Misuse hat viele Gesichter

Wussten Sie, dass Kinder häufiger falsch im Autokindersitz gesichert sind, wenn es regnet? Mit den vielen Facetten der Fehlbedienung bei Kindersicherungssysstemen beschäftigten sich Experten auf einer Münchner Tagung des TÜV-Süd.

Täglich sterben auf den Straßen der EU zwei Kinder, jeden Tag werden 30 Kinder schwer verletzt. Die meisten tödlichen Verkehrsunfälle mit Kindern über fünf Jahren passieren nicht etwa, wenn sie vor ein Auto laufen, sondern wenn sie darin sitzen. Das berichtete Matthew Baldwin, EU Koordinator für Straßenverkehrssicherheit und nachhaltige Mobilität, auf der Münchener TÜV Süd-Konferenz „Protection of Children in Cars“ im Dezember. Deutschland liegt demnach innerhalb der EU bei den tödlichen Verkehrsunfällen mit Kindern auf Platz 10. Die möglichst lange Nutzung rückwärtsgerichteter Autokindersitze für Babys und Kleinkinder kann die Zahl tödlicher Unfälle und schwerer Verletzungen reduzieren. Auch die korrekte Bedienung von Autokindersitzen könnte viele Leben retten, so die Experten. Die WHO schätzt, dass bis zu 80 % der Todesfälle bei Kindern dadurch vermieden würden.

Es ist angesichts der geballten Sicherheitstechnologie kaum zu glauben: Auch heute noch ist mindestens in jedem zweiten beobachteten Fall ein Autokindersitz nicht korrekt installiert, Kinder sind nicht so angeschnallt, wie es für ihre größtmögliche Sicherheit notwendig wäre oder der Sitz passt nicht zum Auto bzw. das Kind nicht zum Sitz.

Oft falsch im Einsatz: die Babyschale

Eine im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) durchgeführte Feldstudie in den Großräumen Berlin und München zwischen Juli 2016 und September 2017 mit über 1.000 beteiligten Kindern bis zwölf Jahren ergab, dass die Misuse-Quote (die Quote der falschen Benutzung) signifikant in Abhängigkeit von den Sitzsystem-Arten variiert. So liegt der Misuse-Anteil der Kindersitze der (nach der alten Richtlinie) Klassen 0/0+ sowie 1 überproportional hoch im Vergleich zur Klasse 2/3. Das bedeutet, dass die jüngsten Kinder überdurchschnittlich oft von einer fehlerhaften Sicherung betroffen sind. Die gute Nachtricht: Isofix-Systeme schneiden hochsignifikant besser ab als die früher herkömmlichen Befestigungsarten. 

Die sogenannte Misuse-Rate ist trotz umfangreicher Informationskampagnen, trotz interessierter Eltern und immer mehr High-Tech im Autokindersitz in den vergangenen Jahren nur minimal gesunken. Unterscheiden muss man hier zwischen Fällen von leichtem, mittlerem und schwerwiegendem Misuse. Leichter Misuse beginnt etwa mit einer kleinen Verdrehung des Gurtes. Von mittlerem Misuse spricht man, wenn die Gurtführung nur locker am Körper liegt, was bei einem Aufprallunfall Verletzungen verursachen kann. Schwerer Misuse kann hingegen bis zum Tod eines Kindes führen, etwa wenn die Babyschale in die falschen Richtung (nach vorn) platziert wird – was bei 4 % der in der GDV-Studie analysierten Babyschalen beobachtet wurde – oder wenn die Babyschale auf dem Beifahrersitz steht, ohne dass der Beifahrer-Airbag deaktiviert ist. Dies war bei 15 % (!) der Babyschalen der Fall.

Schwerer Misuse ist häufiger als früher

Die „Studie zur Verbesserung von Kinderschutzsystemen“ weist leider einen gestiegenen Anteil an schwerem Misuse im Vergleich zu Vorgängerstudien nach: Etwa die Hälfte der gesamten Beobachtungen entfällt darauf, gegenüber ca. 35 % mittlerem und 15 % leichtem Misuse. Zwar ist es erfreulich, dass gängige Misuse-Formen durch moderne Autokindersitzsysteme, wie sie mittlerweile üblich sind, eher vermieden werden. – kommt es aber zu einem Fehlgebrauch, fällt dieser meist schwerwiegend aus.

Wann und bei welchen Konstellationen passiert Misuse häufiger? Die Studie gibt auch hier Hinweise.

  • Personen bis 30 Jahre, aber auch jene, die älter als 60 Jahre sind, begehen häufiger und schwerwiegendere Fehler bei der Sicherung von Kindern und Installation von Autokindersitzen.
  • Deutsche bedienen die Kinderrückhaltesicherungen überwiegend korrekt, ausländische Mitbürger überwiegend fehlerhaft.
  • Misuse passiert signifikant häufiger, wenn es regnet, was auf Fehler durch Nachlässigkeit und Eile hindeutet.
  • Falsch gesichert sind Kinder häufiger, wenn die Fahrt nur unter zehn Minuten dauert und wenn drei und mehr Kinder im Auto sitzen.
  • Mitfahrende Kinder sind in 2-/3-Türer-Pkw öfter von Misuse betroffen als in 4-/5-Türern, was möglicherweise mit dem besseren Zugang bei der Installation des Sitzes oder der Sicherung im Sitz zusammenhängt.
  • Als häufigster Grund für Misuse wird von den Verantwortlichen selbst „unbewusste Nachlässigkeit“ angegeben, gefolgt von „Unkenntnis“, „das Kind sichert selbst“ und „fehlende Info“.

 Ausnahmslos Gründe, die zu eigentlich mit wenig Aufwand und Willen zu ändern wären, denkt man.
 

Ein Risiko: zu früh in den nächstgrößeren Sitz

Gerd Müller von der Technischen Universität Berlin, einer der Autoren der Studie, stellte auf der Münchner TÜV-Süd-Tagung weitere Aspekte der GDV-Studie vor. Unabhängig von der richtigen Installation des Rückhaltesystems und der korrekten Sicherung des Kindes können zusätzlich Passungsprobleme auftreten. Das ist dann der Fall, wenn Größe oder Gewicht des kleinen Passagiers nicht zum Kindersitz passt. Diese Fälle sind zwar selten, dennoch ist etwa der Trend zu beobachten, den Wechsel in die nächsthöhere Kindersitz-Klasse zu früh vorzunehmen – so dass das Kind für Folgesitz zu leicht oder zu klein ist. Das kann besonders bei sehr jungen Kindern lebensbedrohliche Folgen haben. Nach dem Grund befragt, gaben die Eltern u. a. an, dass die Babyschale zu klein geworden sei. Häufiger wurde in der Studie ein zu früher Wechsel in Klasse 2/3-Sitze festgestellt. Immer mehr Kinder unter zwölf Jahren erreichen heute bereits ein Gewicht von 36 kg – bis dahin sind Gruppe 2/3-Sitze der „alten“ Prüfnorm zugelassen. Auch wenn die Sitze bei mehr Körpergewicht durchaus weiterhin Sicherheit bieten würden, sind Eltern verunsichert und wählen oft die schlechtere Alternative: Sie verzichten ganz auf den Kindersitz. Aber erst wenn ein Kind eine Größe von 150 cm überschritten hat, verläuft der Erwachsenen-Dreipunkt-Gurt erfahrungsgemäß korrekt entlang des Körpers. 

Die Studienautoren empfehlen den Herstellern, sich des „wachsenden“ Problems anzunehmen. Dieses stellt sich so dar, dass sich Gewicht und Breite der Kinder heute teils früher und deutlicher ausprägen als die Körpergröße. Bei sehr übergewichtigen Kindern kommt dazu, dass der Gurt automatisch mehr über dem Bauch mit den empfindlichen Weichteilen liegt als idealerweise über den Beckenknochen. Ein Problem, dass auch Schwangere im Pkw kennen. Aber während es für sie spezielle zusätzliche Vorrichtungen gibt, die dafür sorgen, dass der Gurt untenbleibt und nicht über den Bauch rutscht, ist das Problem bei Kindern ungelöst.

Universal-Passung fürs Auto, aber nicht fürs Kind

Die Hersteller stehen vor einem Dilemma. Wie Erik Salters, Senior Engineer Advanced Research Group bei Dorel Juvenile Europe, auf der vergangenen Kind + Jugend erklärte, gibt die neue Kindersitz-Norm ECE R129 spezifische Sitzbreiten für die Universal-Zulassung auf i-Size-Fahrzeugsitzplätzen vor. Die Universal-Zulassung hat den Vorteil, dass Sitz und Fahrzeug garantiert zusammenpassen und die aufeinander abgestimmten Systeme eine Fehlbedienung erschweren. Die Verbraucher favorisieren diese Lösung als bequemes, sicheres System. Die Norm ECE R129 erlaubt darüber hinaus auch den Bau breiterer Sitze, die dann aber eine „fahrzeugspezifische Zulassung“ benötigen. Das Label i-Size ist hier nicht erlaubt und die Eltern müssen vor dem Kauf klären, ob der Sitz mit dem Fuhrpark der Familie zusammenpasst. Die Nachfrage ist hier wesentlich geringer und solche Modelle sind für die Hersteller bislang wenig lukrativ. Erik Salters: „Es gibt einen guten Grund, warum man diese Sitze kaum auf dem Markt findet. Das kann sich ändern. Aber dann werden sich auch die Fahrzeuge ändern und mehr Platz im Innenraum bieten müssen.“

GDV-Studie zur Verbesserung von Kinderschutzsystemen: https://udv.de/de/node/55279